Placebo oder nicht? Wie eine Studie in den Bündner Bergen untersucht, ob ein Medikament Schlafapnoe-Betroffenen in der Höhe hilft.

Warum ist das Projekt spannend?

Wer nachts laut und unregelmässig schnarcht, während des Schlafes Atemaussetzer hat sowie tagsüber müde ist und sich schlecht konzentrieren kann, hat Symptome einer obstruktiven Schlafapnoe. Beim obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) entspannt sich die Rachenmuskulatur während des Schlafs so stark, dass sie die Atemwege blockiert. Dadurch können Betroffene einige Sekunden bis zu über einer Minute während des Schlafs nicht mehr atmen. In der Schweiz leiden schätzungsweise über 150 000 Personen an Schlafapnoe, wobei Männer doppelt so häufig davon betroffen sind als Frauen. Man geht jedoch davon aus, dass bei einem Grossteil der Betroffenen die Schlafapnoe weder diagnostiziert noch behandelt ist. Schlafapnoe ist jedoch relativ einfach therapierbar. Zur bekanntesten und wirksamsten Behandlung gehört die CPAP-Therapie. Die Betroffenen tragen während des Schlafes eine Atemmaske mit einem sanften Luftstrom. Dadurch entsteht im Nasen-Rachen-Raum ein erhöhter Druck, der das Erschlaffen der oberen Atemwege verhindert. So können OSAS-Patientinnen und -Patienten während des Schlafens wieder normal atmen. Viele Betroffene leben in der Schweiz im flachen Mittelland. Reisen sie in die Höhe, wo der Sauerstoffdruck in der Atmosphäre und folglich im Blut sinkt, ist das Risiko grösser, bereits in moderater Höhe nachts stärker unter Schlafapnoe zu leiden. Das Team rund um den Lungenarzt Prof. Dr. med. Konrad Bloch am Universitätsspital Zürich hat sich der Höhenforschung verschrieben. In der vorliegenden Studie hat das Team sich zum Ziel gesetzt, zu untersuchen, ob mit einem spezifischen Wirkstoff (Acetazolamid) die Atembeschwerden von Schlafapnoe-Betroffenen mit einem AutoCPAP-Gerät in der Höhe kontrolliert werden können. Bei einem AutoCPAP-Gerät wird nicht ein spezifischer Druck fix eingestellt, sondern das Gerät passt den Druck automatisch der Atmung des Betroffenen während der verschiedenen Schlafphasen an.

Wie ist das Forschungsteam vorgegangen?

Das Team des Universitätsspitals Zürich hat Schlafapnoe-Betroffene gesucht, die unter 800 m. ü. M. leben und mittels CPAP-Therapie behandelt werden. 51 Personen haben sich für die Studie gemeldet. Die Basismessungen wurden zuerst in Zürich durchgeführt. Im Sommer 2009 wurden die Teilnehmenden dann mit zwei Wochen Abstand je zweimal drei Tage ins Bündnerland zu Messungen eingeladen. In beiden Fällen haben sie zuerst zwei Tage auf 1630 m. ü. M. in Davos Wolfgang und anschliessend einen Tag auf 2590 m. ü. M. auf dem Davoser Jakobshorn verbracht. In beiden Fällen haben die Probandinnen und Probanden eine Tablette erhalten: Bei einem der beiden Aufenthalte enthielt die Tablette den Wirkstoff Acetazolamid, der gegen Symptome der Höhenkrankheit hilft, und im anderen Fall erhielten die Teilnehmenden ein Placebo. Wann in welcher Tablette Wirkstoff oder Placebo enthalten war, wussten sie nicht. Während den Aufenthalten wurde eine ganze Reihe an Messungen an den Probandinnen und Probanden durchgeführt: Im Schlaf wurden mittels Polysomnographie verschiedenste biologische Parameter wie beispielsweise die Sauerstoffsättigung im Blut gemessen. Am Morgen mussten sie Fragebögen zu ihrer Schläfrigkeit, Symptome einer allfälligen Höhenkrankheit und den Nebenwirkungen des Medikamentes geben. Zwischen neun und zehn Uhr am Morgen wurden zudem weitere Tests durchgeführt, um ihre Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit zu testen. Ihre Lungenfunktion sowie die körperliche Ausdauer während sechs Minuten Gehen wurde ebenfalls gemessen.

Was hat das Forschungsteam herausgefunden?

Mit dem Studiendesign, dass alle Patientinnen und Patienten einmal den Wirkstoff und einmal das Placebo einnehmen, ansonsten aber die gleiche Therapie erhalten und den gleichen Ablauf in der Höhe erleben, sind die gemessenen Effekte mit grosser Wahrscheinlichkeit auf den Wirkstoff Acetazolamide zurückzuführen. Zurück in Zürich haben die Forschenden die Daten ausgewertet und gesehen, dass die Sauerstoffsättigung bei Patientinnen und Patienten, die den Wirkstoff Acetazolamid in Davos Wolfgang und auf dem Jakobshorn erhielten, in der Nacht eine deutlich höhere Sauerstoffsättigung aufwiesen. Ebenso konnten die Symptome während dem dreitägigen Aufenthalt mit dem Wirkstoff in der Höhe besser kontrolliert werden. Die Erkenntnisse mögen nach einem kleinen Schritt der Wissenschaft klingen. Für OSAS-Patientinnen und OSAS-Patienten bedeuten sie jedoch eine gesteigerte Lebensqualität. Sie wissen dadurch, was ihnen in der Höhe hilft.

Anmerkung: In einer anderen Studie hat dasselbe Team herausgefunden, dass Acetazolamid bei OSAS-Patientinnen und -Patienten in der Höhe ebenfalls eine positive Wirkung hat, wenn dort auf die CPAP-Therapie verzichtet wird.

 

Autoren
Latshang T., Nussbaumer-Ochsner Y., Henn R. et al.

Journal
JAMA

Publikationsdatum
12. Dezember 2012

Unterstützt durch
Verein Lunge Zürich