Für viele bedeutet eine Spenderlunge ein neues Leben. Forschende haben Betroffene im ersten halben Jahr nach der Transplantation zu ihren Gedanken und Gefühlen befragt.

Warum ist das Projekt spannend?

Eine Lungentransplantation wird für Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen Lungenkrankheiten in Betracht gezogen, wenn alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind. Sie führt dazu, dass Betroffene nach der Transplantation weniger eingeschränkt sind, länger und mit einer besseren Lebensqualität leben. Die Operation ist für die Betroffenen jedoch nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Herausforderung. Die vorliegende Studie widmet sich den psychologischen Aspekten einer Transplantation: In ihr werden Frischtransplantierte zu ihren Gefühlen, Gedanken, Sorgen und Ängste im ersten halben Jahr nach der Lungentransplantation befragt.

Wie ist das Forschungsteam vorgegangen?

Am Transplantationszentrum des Universitätsspitals Zürich wurden 72 Lungentransplantationen zwischen Januar 2012 und April 2014 durchgeführt. Davon haben 40 erwachsene Patientinnen und Patienten an der Studie teilgenommen. Sie sind zwei Wochen, drei Monate und sechs Monate nach der Transplantation von einer Psychiaterin resp. einem Psychiater oder einer klinischen Psychologin resp. einem klinischen Psychologen interviewt worden. In den Gesprächen haben sie Einblicke in ihre Gedanken, Gefühle und Einstellungen im Zusammenhang mit dem Transplantationsprozess, ihrer neuen Lunge und ihren Medikamenten gewährt. Im Anschluss sind die Interviews qualitativ ausgewertet worden. Von den Interviewten waren 22 Personen männlich und 18 weiblich. Sie waren zwischen 20 und 68 Jahre alt und haben die neue Lunge wegen ihrer COPD (38%) oder Cystischen Fibrose (33%) erhalten. Alle Probandinnen und Probanden konnten die sechsmonatige Studienteilnahme abschliessen.

Was hat das Forschungsteam herausgefunden?

Die meisten Patientinnen und Patienten erleben durch die Transplantation eine erhebliche Verbesserung ihres Gesundheitszustandes. Gleichzeitig berichten sie von körperlichen Beschwerden, der Angst vor einer Abstossung, der Angst vor Infektionen, von Nebenwirkungen der Medikamente und den Einschränkungen im Alltag. Während sich die meisten Beschwerden über die Zeit nicht veränderten, wurden die Einschränkungen im Alltag über die Zeit immer häufiger genannt.
Für viele bedeutet eine Lungentransplantation eine Chance auf ein zweites Leben. Vollständig gesund werden sie in diesem «zweiten Leben» jedoch nicht. Oft wird eine Krankheit mit einer anderen ersetzt. Es ist die Aufgabe von Medizinerinnen und Medizinern und allen Beteiligten im Spital, Betroffene über dieses Dilemma zu informieren und auf dem Weg in eine relative Normalität zu unterstützen. Eine Lungentransplantation ist mehr als eine Operation: Sie ist lebensverändernd für den Körper, die Psyche und das Soziale. Das sollte berücksichtigt werden.

 

Autoren
Seile A., Klaghofer R., Drabe N. et al.

Journal
Patient

Publikationsdatum
30. März 2016

Unterstützt durch
Verein Lunge Zürich