Schrittzähler, Lungenfunktionstest und Fragebogen: Mit Daten von 210 COPD-Patientinnen und -Patienten wurden Zusammenhänge zwischen ihrer körperlichen Aktivität und der Häufigkeit von akuten Krankheitsschüben (Exazerbationen) untersucht.

Warum ist das Projekt spannend?

Im Oktober 2020 lebten in der Stadt Zürich total 435’535 Menschen. Fast genauso viele, nämlich rund 400’000 Menschen, leiden in der Schweiz an COPD.
COPD ist eine langsam voranschreitende Lungenkrankheit, bei der sich die Atemwege verengen. Durch die eingeschränkte Atmung wird der Körper, insbesondere das Herz-Kreislaufsystem sowie die Muskulatur, nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt. Als Folge verliert der Körper an Leistungsfähigkeit. Akute Krankheitsschübe, bei denen sich die Symptome wie Atemnot oder Husten plötzlich deutlich verschlechtern, werden als «Exazerbationen» bezeichnet. Bei einer akuten Exazerbation nimmt die Lungenfunktion ab und das Risiko steigt, ins Spital zu müssen. Am Universitätsspital Zürich hat nun ein Forschungsteam in der Abteilung Pneumologie untersucht, ob die objektiv messbare körperliche Aktivität und Leistungsfähigkeit in einem Zusammenhang mit der Anzahl an Exazerbationen stehen. Sprich: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl an akuten Krankheitsschüben und dem eigenen Fitnesszustand?

Wie ist das Forschungsteam vorgegangen?

Die 210 Studienteilnehmenden waren im Schnitt 68 Jahre alt und von COPD betroffen. Das Team am Universitätsspital rund um Prof. Dr. med. Malcolm Kohler hat die Charakteristika der Patientinnen und Patienten wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, Body Mass Index, Rauchstatus und Begleiterkrankungen erhoben. Daneben haben die Teilnehmenden einmalig während sieben Tagen am Arm ein Messband getragen, das die Schrittzahl aufgezeichnet hat, um später daraus die körperliche Aktivität abzuleiten. Die Leistungsfähigkeit wurde mittels dem 6-Minuten-Gehtest erhoben. Hierbei gehen die Probandinnen und Probanden während sechs Minuten in einem für sie angenehmen Tempo soweit sie kommen. Der 6-Minuten-Gehtest kann vor allem bei chronischen Lungenerkrankungen Aufschluss über den aktuellen und künftigen Gesundheitszustand geben. Neben der körperlichen Leistung wurden verschiedene Lungenfunktionen gemessen. Welche Werte genau erhoben wurden, finden Sie in der Infobox. Zusätzlich wurde die Häufigkeit der Exazerbationen erhoben. Wer mindestens zwei akute Exazerbationen pro Jahr erlitt, die medikamentös behandelt werden mussten, wurde zur Gruppe «häufig» hinzugezählt.

 

Diese Werte wurden erhoben:
FEV1 (engl. forced expiratory volume at 1s):
Die sogenannte Einsekundenkapazität beschreibt die Luftmenge, die man nach vollständigem Einatmen innerhalb einer Sekunde so schnell wie möglich ausatmen kann. Sie ist ein wichtiger Wert bei Lungenerkrankungen, die mit verengten Bronchien einhergehen.

RV (engl. residual volume):
Das Residualvolumen beschreibt das Luftvolumen, das in der Lunge verbleibt nachdem maximal ausgeatmet wurde. Es wird mittels aufwändigem Verfahren gemessen.

TLC (engl. total lung capacity):
Die totale Lungenkapazität beschreibt das Luftvolumen, das nach maximaler Einatmung in der Lunge vorhanden ist.

Was hat das Forschungsteam herausgefunden?

Die Auswertung der Daten zeigt folgende Zusammen-
hänge:

  • Patientinnen und Patienten, die häufig eine Exazerba-
    tion erlitten, hatten bei den Lungenfunktionstests einen tieferen FEV1-Wert (siehe Infobox) und sind in den sechs Minuten weniger weit gelaufen als Patientinnen und Patienten, die selten eine Exazerbation erlebten.
  • Je tiefer der FEV1-Wert der Lungenfunktionstests, je weniger weit wird gelaufen im 6-Minuten-Gehtest und je mehr geraucht wird, desto häufiger treten Exazerba-
    tionen auf.
  • Zwischen dem Residualvolumen respektive der totalen Lungenkapazität gibt es einen positiven Zusammenhang zu den inhalierten Medikamenten: Wer die Medikamente einnimmt, verfügt insgesamt über eine bessere Lungenfunktion.

Folgender Zusammenhang wurde ebenfalls gefunden: Je verengter die Atemwege, desto häufiger treten die Exazerbationen auf. Ein sofortiger Rauchstopp hilft dabei, die weitere Zerstörung der Lunge zu bremsen. Wo bleiben nun die Aussagen zur körperlichen Aktivität und zur Leistungsfähigkeit? In einer weiterführenden, statistischen Auswertung haben die Forschenden die einzelnen Faktoren auf ihre Unabhängigkeit untersucht und dabei Spannendes entdeckt: Die Einsekundenkapazität (Erklärung siehe Infobox) als Gradmesser der verengten Atemwege steht unabhängig von anderen Faktoren im Zusammenhang mit der Anzahl Exazerbationen. Ein unabhängiger Zusammenhang zwischen der körperlichen Aktivität resp. der Leistungsfähigkeit und der Häufigkeit der Exazerbationen wurde nicht gefunden. Sprich: Die Anzahl Schritte hat keinen direkten Einfluss auf die Häufigkeit von Exazerbationen. Es lohnt sich dennoch, sich nicht auf die faule Haut zu legen. Auch wenn die Bewegung nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Anzahl Exazerbationen steht, überwiegen ihre positiven Vorteile. Sie schützt beispielsweise vor dem Abbau der Muskelmasse. Und wer über eine starke Skelett- und Atemmuskulatur verfügt, kommt weniger schnell in Atemnot.

 

Autoren
Schönmann M., Sievi N., Clarenbach C. et al.

Journal
Lung

Publikationsdatum
13. Dezember 2014

Unterstützt durch
Verein Lunge Zürich