Langzeitbeatmung erhöht die Lebenserwartung von Duchenne-Betroffenen. Dadurch treten neue, bisher unbekannte Komplikationen auf. Prof. Dr. med. Konrad Bloch und sein Team haben sie am Universitätsspital Zürich beobachtet und festgehalten.

Warum ist das Projekt spannend?

Die Muskeldystrophie vom Typ «Duchenne» gehört zu den häufigsten, vererbten Muskelkrankheiten. Eine Genmutation führt dazu, dass das Protein Dystrophin in den Muskelzellen fehlt, wodurch es zu einem kontinuierlichen Abbau der Muskulatur kommt. Insbesondere die Muskulatur des Bewegungsapparates sowie die Muskulatur des Herzes und der inneren Organe sind davon betroffen. Neben der anfänglichen Unfähigkeit sich zu bewegen oder zu gehen, kommt im weiteren Verlauf der Krankheit ein chronisches Versagen der Atemmuskulatur dazu. Diese Symptome treten bereits im frühen Kindesalter und fast immer bei Knaben auf. Da die Vererbung der Krankheit über das X-Chromosom verläuft (Frauen haben davon zwei, Männer haben ein X- und Y-Chromosom), kann die Mutter Trägerin eines veränderten X-Chromosoms sein ohne daran zu erkranken, kann aber das mutierte Gen (Erbmaterial) an die Nachkommen weitergeben. Daraus leitet sich auch der Umstand ab, dass mehr Knaben als Mädchen davon betroffen sind. Auf 3300 männliche Geburten erkrankt statistisch gesehen ein Knabe an der Krankheit.
Aufgrund der geschwächten Atemmuskulatur müssen die Betroffenen bei fortgeschrittener Krankheit langzeitbeatmet werden. Dies verbessert bei Duchenne-Betroffenen die Lebensqualität und erhöht die Lebenserwartung auf ungefähr 35 Jahre. Durch die erhöhte Lebenserwartung treten neue, bisher unbekannte Komplikationen auf. Am Universitätsspital Zürich behandeln Spezialistinnen und Spezialisten Personen, die an Duchenne erkrankt sind. Dem Team ist aufgefallen, dass unerwartet viele ältere Duchenne-Betroffene mit denselben Symptomen den Notfall aufsuchen. Sie haben deshalb diese Fälle im vorliegenden Bericht festgehalten. Sie zeigen auf, wie sie behandelt wurden und auf welche Symptome besonders geachtet werden sollte, um ein frühzeitiges Eingreifen zu ermöglichen.

Wie ist das Forschungsteam vorgegangen?

Das Forschungsteam hat beobachtet, dass zwischen Februar 2005 und November 2010 acht ihrer 55 Duchenne-Patientinnen und Patienten mit einer schweren metabolischen Azidose notfallmässig in das Universitätsspital eingeliefert wurden. Alle Patientinnen und Patienten waren zwischen 20 und 36 Jahre alt und waren auf zusätzliche Beatmung angewiesen. Eine metabolische Azidose entsteht, wenn die Atmung beeinträchtigt und der Herzmuskel geschwächt ist. Verschiedene Mechanismen führen zu einem Sauerstoffmangel und einem Kohlendioxidüberschuss im Blut, wodurch dieses sauer wird. Der Körper versucht, diesen Zustand auszugleichen, indem er die Atmung verstärkt. Alle eingelieferten Patientinnen und Patienten hatten trotz unterstützter Atmung unter Atemnot sowie Bauchbeschwerden (Verstopfungen trotz Abführmittel) gelitten. Sie hatten einen erhöhten Puls sowie einen tiefen pH-Wert im Blut. Je tiefer ein pH-Wert ist, desto saurer ist das Blut. Mit einer Flüssigkeits- und Nahrungsabgabe, einer medikamentösen Regulation der Darmbewegung und Antibiotika konnten alle Patientinnen und Patienten erfolgreich behandelt werden. Der pH-Wert im Blut normalisierte sich innerhalb von 12 bis 48 Stunden und der allgemeine Zustand verbesserte sich innerhalb von zwei bis vier Tagen.

Was hat das Forschungsteam herausgefunden?

Was die genaue Ursache für die Entstehung einer metabolischen Azidose bei älteren Duchenne-Betroffenen ist, ist noch nicht restlos geklärt. Meist führt eine Kombination aus verschiedenen Faktoren zu diesem lebensbedrohlichen Zustand. Mit diesen Beobachtungen leisten die Forschenden des Universitätsspital Zürich einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung und erfolgreichen Behandlung dieser lebensbedrohenden Komplikation.

 

Autoren
Lo Cascio CM., Latshang TD., Kohler M., Bloch K., et al.

Journal
Respiration

Publikationsdatum
30. April 2014

Unterstützt durch
Verein Lunge Zürich